Geschichten aus dem C.

Mittwoch, 3. November 2004

Wie man Frust abbaut

So, bin wieder da und mehr oder weniger glücklich. Bin dann doch erstmal wieder in den Hubbelbubbel, in der Hoffnung, dass die dort die seit kurzem klaffende Lücke, die ich letztens hinterlassen hatte, vllt. inzwischen mit Naokos Lächeln aufgefüllt haben. Haben sie aber nicht. Stattdessen ist mir aufgefallen, dass sich hinter der verursachten Leere noch eine zweite Reihe von Büchern befindet. Ich natürlich gleich rumgestöbert und siehe da: etwas versteckt und abseits der Lücke stehen doch tatsächlich noch mehr Murakamis; wie das so ist mit Schätzen: manchmal muss man eben danach graben. Auch Naokos Lächeln war dabei. Gibt´s jetzt natürlich nicht mehr da... alles ist wieder gut. ;o)

Ausserdem weiss ich jetzt, dass der wundervolle kleine Laden mit den dunklen Schätzen schon seit ca. vier Wochen offen hat. Als ich das erste Mal da war, hatten sie dort eine Kinder-Sonderaktion, weshalb ich annahm, es sei der Eröffnungstag; war es aber gar nicht. Hab mir erstmal eine frisch zubereitete Trinkschokolade servieren lassen: heisse Milch mit echter Chili-Schokolade zum darin Auflösen... leeecker. :o) Hab mich auch wieder ein wenig mit der tollen Frau hinter der Theke unterhalten und erfahren, dass sie fieberhaft an einem Internet-Shop arbeiten.

Hab´s nur nicht sehr lange darin ausgehalten, weil ein aufdringlich verliebtes Pärchen reinkam und wild zwischen Trinkschokoladen-Rumgenippe ständig an sich rumschlabbern mussten. Natürlich war ich zuerst ein wenig neidisch, aber dann war es auch einfach unerträglich. Diese wabbernde Lust-auf-Sex-hier-und-jetzt-und-überhaupt-ständig-und-überall-Aura um die beiden rum, war fast schon ekelhaft. Wenn man ihr ins Gesicht sah, hätte man schwören können, dass Sie unter Drogen gestanden hat und ihm triefte bereits das Sperma aus den Augen. Da hat auch das gepflegte Äussere, ein blütenweisses Hemd und ein teueres Sakko nichts daran geändert. Sein halbes Gesicht war schon ganz nass von all dem Abgeschlabbere. Die sind schon Lippe an Lippe zur Tür rein und konnten kein Auge voneinander lassen. Hat nur noch gefehlt, dass sie sich hinkniet und.. naja, ihr wisst, worauf ich hinaus will, weil viel hat nämlich nicht gefehlt und es wär passiert.

Total unpassend irgendwie. Das Chocolat ist doch kein Rotlicht-Nachtclub, sondern ein romantischer wundervoller kleiner Laden, in den auch viele Kinder kommen und diese Sex-Show der beiden hatte nichts, aber auch gar nichts romantisches oder erotisches; es war schlichtweg nur noch vulgär und schmutzig. Und ich bin mitnichten prüde, was diese Dinge angeht oder stehe nur auf total normal oder so; ganz im Gegenteil. Vulgär und schmutzig hat durchaus seine Reize - am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Es gibt für alles das passende Drumherum und das Chocolat um halb fünf nachmittags, wenn eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn da ist und ich meine Chili-Schokolade genießen möchte, ist NICHT der richtige Ort und NICHT der richtige Zeitpunkt für das vulgäre Verhalten von zwei bespringbereiten Liebesschweinen, die grad ´ner Überdosis an Hormonen ausgesetzt sind. Da hätten die beiden doch nur 500 Meter um die Ecke gehen brauchen, um sich ihres Druckes in der Peepshow bzw. im Sex-Kino entledigen zu können. Ein mehr oder weniger billiges Hotel wäre auch gleich um die Ecke gewesen. Sorry, kapier ich einfach nicht. Wie rücksichtslos, egoistisch und verdorben kann man eigentlich sein? Der kleine Junge sah schon ganz verstört drein und ich, ich wollte in Ruhe meine Chili-Schokolade genießen, verdammt! *grrrrr*

Wahrscheinlich waren es meine bösen Blicke, mein alles sagender Gesichtsausdruck, dieses oftmals geübte, gnadenlose in die Augen Starren, das den Spuk vorläuftig erstmal beendet hatte. Die Mama des kleinen Jungen hatte übrigens auch so ´nen Blick drauf. Wie gut, dass ich nichts sagen musste... Gnade euch Gott, denn ich hab heute grad keine... naja, ihr wisst schon. ;-)

Aber genug davon jetzt.
Hab mich noch ein wenig von der tollen Frau über die verschiedenen Kakao-Bohnen und deren Verarbeitungszustände, die in kleinen Gläsern ausgestellt waren, aufklären lassen und bin dann mit zwei portablen Sünden weitergezogen; eine kleine Tafel Schokolade mit Chili und eine mit grünem Jasmin-Tee. Ich bin schon sehr gespannt... ;o)

Ausserdem war ich noch im C. und hab mich verwöhnen lassen mit Speis´ und Trank. Kellnerin C., unsere irische Lady mit dem trockenen Humor, war heute ziemlich gut drauf und es war recht unterhaltsam. Von meinen Jungs war zwar keiner da, aber unser amerikanischer Chefkoch L. hat dafür gesorgt, dass ich das leckere Mittagsmenü auch um 17 Uhr noch serviert bekommen hab´ und der persische Barmann E. gab für einige Bedienstete eine Runde Rest-Champus Veuve Cliquot zu irgendeiner Feier des Tages aus. Naja, bevor man ihn wegschüttet... Alles in allem drei überwiegend angenehme Stunden. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass das C. mehr wie eine große internationale Familie ist... eine dufte Truppe das; alles sehr feine Menschen dort. Ich bin froh, dass es sie gibt und ich irgendwie dazu gehöre.

Samstag, 30. Oktober 2004

Dunkle Schätze, Murakami und das C.

Der Tag fing böse an; die Nacht nicht geschlafen, früh um halb 6 endlich müde genug, um schlafen zu können - theoretisch; dann doch durchgemacht, damit ich schaffe, was ich tags zu schaffen hatte.

Zuerst zur Sparkasse. Geld einzahlen. Ich stehe 20 Meter vom Schalter weg, weil da ein Schild steht, das um Diskretion bittet. Seh ich ein. Endlich bin ich dran. Mein Schalter links, nach rechts zwei Micromonitore, dann der nächste Schalter; eine Frau wickelt ihre Geschäfte ab. Ich frage nach meinem Kontostand, weil ich schonmal da bin und die Bankschlampe sagt laut, sodass es jeder hören kann: rot, leicht erhellt, nicht mehr ganz so dunkel wie noch vor ein paar Wochen. Danke! Ich denke: super!! soviel zur verfickten Diskretion und stelle mir vor, wie ich ihr das Schild zwischen die Zähne schiebe.

Rein ins Auto und ab zur nächsten Station. Vor mir ein BMW, der urplötzlich anhält; kein Blinker, nix. Ich warte; was hat er vor? Zwei weisse Lichter, Adrenalinschub massiv und BMW zack zurück voll in mich rein. Danke! Ich denke: super! soviel zur verfickten Tagesplanung. Der BMW wollte den Parkplatz einer Frau haben, die gerade ausparken will, aber stattdessen hat er jetzt mich am Hals. Gnade ihm Gott, weil ich hab grad keine Gnade mehr übrig. Die Frau interessiert das alles überhaupt nicht; ich schnell hin, klopfe an die Scheibe, bevor sie abrauschen kann und bitte um Zeugendaten, die ich später gar nicht brauchen werde. Es stellt sich nämlich heraus, dass ich den BMW-Fahrer von früher kenne; wir plaudern, erinnern und klären alles. Schaden ist mikroskopisch; obwohl es ziemlich geknallt hat. Wir tauschen unsere aktuellen Daten, lachen schon wieder und verabschieden uns herzlich.

Geringfügig aus dem Zeitplan geht´s endlich weiter zur nächsten Station. Der Hardware-Händler. der mir vor 6 Monaten Schrott verkauft hat, und der den Schrott vor 5 Wochen für 4 Wochen zum Hersteller zur Reparatur geschickt hatte, kriegt den immer noch nicht funktionierenden Schrott wieder zurück. Das war der Plan. Der Service-Mensch hinter der Theke fragt, was denn nun schon wieder sei und ich krieg schon wieder ´nen Adrenalinschub seines unverschämten Tones wegen. Als ich anfange noch verhältnismäßig ruhig zu erklären, was los sei, nimmt er einfach das kaputte Teil und geht weg. Mitten in meinen Schilderungen bzgl. der aufgetretenen Fehler. Ich krieg ´ne Überdosis Adrenalin ob der Unverschämtheit und versuche, den Pegel hoch zu halten bis er wieder da ist. Unverschämt kann ich nämlich auch ziemlich gut; vor allem heute. Der Service-Mensch hat sich einfach den falschen Kunden am falschen Tag rausgesucht. Er wird leiden, jetzt und den ganzen Tag; das steht fest! Ich sag ihm erstmal, dass ich keine Ahnung hab, woran es liegen könnte (obwohl ich welche hab) und dass mich das auch alles gar nicht interessiert und auch nicht interessieren muss; ich will endlich für mein Geld einen funktionierenden Schrott, den ich auch wirklich nutzen kann und der nicht alle 2 Tage für 4 Wochen irgendwo nach Japan, Korea oder Hongkong verschickt wird, weil der Hersteller auf eine Reparatur besteht und seinem Basteltrieb nachgehen will. Ich will auch kein Geld zurück oder `nen anderen Schrott; ich will genau so einen Schrott wie ich ihn damals gekauft hab - und zwar einen, der auch dauerhaft funktioniert; und wenn er nicht willig oder fähig ist, dies zu regeln, dann werde ich hier und jetzt einen Chef-Menschen finden, der das kann. So! Der Service-Mensch ist plötzlich ganz kleinlaut und fängt endlich an, sich zu kümmern und alles zu regeln; warum nicht gleich so? Mein Adrenalinspiegel normalisiert sich langsam wieder. Danke! Ich denke: super! Was für ein Scheisstag und stelle mir vor, was heute sonst noch alles schiefgehen könnte.

Und dann passiert es - urplötzlich, total unvermutet, ohne nachzudenken, einfach aus dem Bauch heraus: ich gebe auf, lasse los, denke nicht mehr über das bisher geschehene nach und sage zu mir selbst: der Tag ist noch lang, komme was wolle, egal was, es ist, wie ist es und es wird kommen, was kommen wird. Ich fühle mich unmittelbar leicht, entspannt, selig ruhig.

Gemütlich fahre ich wieder nach Hause, weil ich mich endlich hinlegen will. Die restlichen Punkte auf meiner Liste interessieren mich grad nicht mehr. Morgen ist auch noch ein Tag... Zuhause angekommen mache ich alles mögliche, nur Schlaf finde ich nicht. Ich lese ein paar meiner Lieblingsbloggs und bin fasziniert von Maries letzten paar Einträgen und ihrem geheimnisvollen Murakami und beschließe, herauszufinden, was es damit auf sich hat. McGoogle wird helfen. Nach den ersten paar Hinweisen, weiss ich, was ich will, brauche, und zwar jetzt; jetzt sofort. Also auf, wieder in die Stadt, um mir meinen Murakami zu kaufen. Wie auf Schienen direkt zum richtigen Regal im Hubbelbubbel; der erste Blick sofort lauter Murakamis. Ich kann mich nicht entscheiden, also nehm ich drei Taschenbücher mit. Warum auch nicht; hab ja eben erst die drei Bücher von Dan Brown hintereinander weggelesen. Da kann ich jetzt ja auch drei Bücher von Murakami hintereinander weglesen, oder nicht? Auf dem Weg zur Kasse fädelt sich vor mir ein Pärchen ein. Sie kauft, er zuckt kurz Richtung Sonderauslage neben der Kasse; eine Reihe Esoterik-Bücher zu je 3,99, die irgendwie bis auf den Titel alle gleich aussehen und auch alle gleich dick sind und wahrscheinlich auch alle mehr oder weniger den gleichen Inhalt haben, mit allem, was das ambitionierte Esoterikherz begehrt: Reiki, Bachblüten, Yoga, Meditation, usw... er zuckt aber wirklich nur sehr kurz dahin; eine abwertende Hab-ich-alles-schon-in-"richtigen"-Büchern-daheim-und-diese-Reihe-ist-sowieso-alles-Kommerzquatsch-Geste lässt ihn wieder zurückpendeln. Frau fertig, jetzt endlich ich und meine drei Murakamis. Ich komme mir so gierig vor, aber es ist mir schlichtweg egal. Ich brauch das jetzt. Ich kann machen, was ich will; ich bin frei und die Welt kann mich mal. Ich zahle bar, damit es schneller geht als mit Karte und schreite glücklich von dannen.

Jetzt schnell heim, denke ich und nehme eine Abkürzung zum Parkplatz - und da ist er: mein kleiner verlorener Traum, nun Wirklichkeit geworden. Neueröffnung eines wundervollen kleinen Ladens namens "Chocolat". Einfach so liegt er vor mir; unverhofft und wunderschön. Meine Beine übernehmen das Denken und bringen mich zu der Person, die meinen kleinen Traum verwirklicht hat, weil ich damals zu feige war, zu mutlos, zu schwach. Ich staune mit wässrigen Augen in diesem kleinen wundervollen Laden umher. Überall Schokolade; und nicht eine einzige Sorte oder Marke oder Schachtel oder Verpackung oder was auch immer, die ich schonmal irgendwo gesehen hätte. Überall unbekannte dunkle Schätze liebevoll ausgelegt. Ich gehe zur Theke, hinter der eine wahnsinnig attraktive Frau frischen echten Kakao für einige Gäste zubereitet. Ich frage höflich, ob das Ihr Laden sei, sie lächelt und bejaht; ich sage ihr, dass dies ein wunderschöner kleiner Laden sei und sie bedankt sich glücklich und erklärt mir voller Stolz, dass sie selbst die Böden eigenhändig verlegt hätte. Ich sag ihr, dass ich mich nochmal etwas umsehen muss, tue dies auch, gehe einmal rundrum und komme immer noch völlig paralysiert, fasziniert und glücklich wie weihnachten wieder bei der Theke an. Ich muss ihr gleich nochmal sagen, wie wundervoll dieser kleine Laden ist und krieg sowas von einem dicken Kloß im Hals, dass ich ganz wässrige Augen bekomme. ich drehe mich aus Scham leicht zur Seite, neige den Kopf etwas, damit sie es nicht mitbekommt und sie strahlt und bedankt sich herzlich für das Kompliment. Später spreche ich mit ihr über sinnvolleschokolade.de und kaufe drei kleine Sünden; dafür leg ich ein kleines Vermögen auf die Theke, aber ich bin sowas von glücklich, das glaubt mir jetzt keiner.

Beim Auto angekommen, beschließe ich, erstmal ins C. zu fahren und gemütlich einen Latte Macciato zu schlürfen. Das C. gehört Freunden von mir und dieser unser Sandkastenfreunde-Clan trifft sich hier regelmäßig, fast täglich, freitags und samstags immer. Es ist 17 Uhr, also noch drei Stunden Happy Hour. Der Latte ist cremig und ich erzähle B. meinen bisherigen Tagesverlauf mit all seinen Höhen und Tiefen. Wir philosophieren etwas, gewinnen Alltagserkenntnisse und dann überlege ich, wie ich es schaffe, trotz Schlafdefizits bis in die Puppen wach bleiben zu können, weil ich jetzt nicht mehr nach Hause möchte, sondern hier bleiben will. Einen Vodka Red Bull bitte! Mehr Freunde treffen ein, wir lachen viel, während das C. langsam aber sicher die Freitagabendfüllung bekommt, die es auch verdient hat. Wir essen, trinken, lachen, erzählen uns das Neueste und später treffen noch weitere liebe Menschen ein. Noch mehr interessante Gespräche, trinken, lachen. Das Leben ist schön.

Die Zeit vergeht erst schnell, dann langsamer.. es wird später und später; dann wird es 2 Uhr und das C. muss schließen. Ich habe das Gefühl, den aufregendsten und schönsten Tag seit sehr langer Zeit erlebt zu haben und falle jetzt gleich glücklich in mein Bett und werde schlafen bis die Sonne wieder untergeht. Ein neuer Tag im C. wird anbrechen... Latte Macciato und Murakami... Danke Marie :-)

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